Vor etwas mehr als zehn Jahren schien das Tor weit aufgestoßen zu sein für den Weg in Gesellschaften, die Freiheit, Wohlstand und Demokratie in den Grenzen der Ökosysteme organisiert; Gesellschaften, die sich verstanden als Sorgeträger für das Gemeinsame Haus. 2015 trafen unterschiedliche Überlegungen im passenden Moment zusammen wie notwendige Perspektivwechsel, gemeinsame Verantwortung, solidarischer Gebrauch der Güter, Gewicht wissenschaftlicher Erkenntnisse, Hoffnungen … Schritte in Richtung einer anderen Art von Zukunft verdichteten sich am Horizont. Diese Visionen haben Namen und Orte: Laudato si im Vatikan im Monat Mai, die 17 Nachhaltigkeitsziele in New York im September, die Weltklimakonferenz in Paris zum Jahresende 2015.
Im Mai: Papst Franziskus lädt in der Enzyklika „Laudato si“ zu einem neuen Dialog ein, wie wir die Zukunft unseres Planeten gestalten.
„Kein Papst der Neuzeit hat eine Versammlung von Staaten so kraftvoll bei der Lösung eines Menschheitsproblems unterstützt. Und so waren auch die Reaktionen auf die Veröffentlichung von Laudato si’ ohne historisches Vorbild, vor allem außerhalb der Kirche: Bedeutende wissenschaftliche Zeitschriften wie „Nature“ und „Science“ widmeten der Enzyklika eigene Kommentare, „Nature Climate Change“ sogar eine ganze Sonderausgabe. Klimawissenschaftler, Soziologen und Ökonomen kommentierten das päpstliche Schreiben – kritisch, aber im Kern doch affirmativ“
schreiben Ottmar Edenhofer und Cecilia Kilimann in Stimmen der Zeit (9.2025).
Er ist Direktor des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung und Vorsitzender des Europäischen Wissenschaftlichen Beirats für Klimawandel; sie wissenschaftliche Referentin am gleichen Institut in Potsdam.
Laudato si lädt zu einem Dialog über das gemeinsame Haus des Erdplaneten ein, es ist Sauerteig für einen weltweiten sozial-ökologischen Wandel. Der Text ist im Stil prophetischer Rede geschrieben, er lädt jeden einzelnen Menschen konkret in seinen Möglichkeiten der Lebensstilgestaltung ein, spricht wirtschaftliche, politische und soziale Akteur*innen an … im Horizont stets das Gemeinsame Haus. Angesichts der planetarischen Grenzen denkt das Schreiben Armutsminderung mit Reichtumsminderung national und weltweit zusammen.
Gut zehn Jahre später: Die Bemühungen zur Begrenzung der Erderwärmung sind in eine Sackgasse geraten, das Thema in die Defensive – die globalen Emissionen steigen weiter, ein Ende der fossilen Brennstoffe ist nicht absehbar. Anstelle der Sorge um das „Gemeinsames Haus“ hat sich eine Krise von Menschlichkeit breitgemacht und eine Krise unserer Beziehung zur Erde und zur Natur. Machthaber sehen sich als Richtpunkte. Sie haben nicht den Mut, Vulnerablen in die Augen zu blicken.
Pirmin Spiegel
1. April 2026


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