Globales Lernen: Autorität der Leidenden

Sind die Gräben, die gestern geschlagen wurden und heute geschlagen werden, tiefer als die Hoffnung? Gibt es Wege jenseits von Gewalt?

Diese Fragen las ich in diesen Tagen und hatte vor meinen Augen das immense Leid, dessen Zeuginnen und Zeugen wir sind. Es wird Jahrzehnte brauchen, um zu heilen, wenn überhaupt. Viele werden zuvor sterben mit offenen oder vernarbten Wunden, die dieses Leid geschlagen haben und schlagen. Werden wir Versöhnung erreichen mit den Menschen und dem Planeten, ohne an die Leidensgeschichten dieser Menschen und Zerstörerischem mit dem Erdplaneten zu denken? 

Dabei gibt es Erfahrungen und Traditionen von Völkern und Gemeinschaften weltweit, die immer wieder das Überleben einübten durch Widerstand und Mystik und deren Wissen und Weisheit zu oft ignoriert oder abgelehnt wurden.

Globales Lernen hat zu tun, gegen ein mitleidloses Vergessen anzugehen und aufzustehen; es hat zu tun, inmitten anhaltender Gewalt die Beziehungen zwischen den Menschen und dem Planeten wieder aufzubauen. Leiden und Gewalt verweisen darauf, was nach Überwindung schreit und machen zugleich sichtbar, was anzustreben und zu erkämpfen ist.

In meinen Arbeiten und Lebensbegegnungen erlebte ich immer wieder an unterschiedlichsten Orten die Fähigkeit von Menschen, am Leiden anderer teilzuhaben, den Blick nicht abzuwenden, sich einzumischen. Diese Menschen wussten stets, dass die Leiderfahrungen der unmittelbar Betroffenen eine besondere „Qualität“ haben. Globales Lernen und Nachhaltige Entwicklung haben als einen Ausgangspunkt, Ursachen und Situationen, worunter Menschen leiden – seien es offensichtliche Formen wie Hunger oder Krieg, sei es ein Nicht-Anerkennen kultureller Identität, sei es ein Behandeln als Objekte – zu überwinden oder zumindest zu minimieren. 

So kommt mir das Nachdenken von Johann Baptist Metz in den Sinn, ein Hören auf die Autorität der Leidenden. Diese fordert eine Solidarität nach „rückwärts“ mit den Leidenden der Geschichte ein, um Leiden vergangener Generationen nicht zu vergessen; und fordert eine Solidarität mit den Leidenden heute ein verbunden mit einem konkreten Handeln, das diese Leiden ausräumt. Eine solche Perspektive könnte eine Antwort aller Menschen sein im Blick auf unsagbares Leid und auf unzählige Missachtungen der Würde.

Pirmin Spiegel

13. März 2026


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