Während ich diesen Blog schreibe, suche ich nach Adjektiven, die auszudrücken versuchen, was ich denke und fühle in den aktuellen Zeiten der Menschheitsgeschichte: atemlos, aufgeregt, gefährlich, irrational, blind, hoffend …
Bereits in den letzten Blogs näherte ich mich Gedanken an, die neben den analytischen Formen der Vernunft andere Formen der Vernunft benennen und unterstreichen, die in den Hintergrund gedrängt scheinen. Es sind Formen und Haltungen der Empfindsamkeit, der Solidarität, der Ethik, der persönlichen Verantwortung. Von unterschiedlichsten Seiten ist zu lesen, dass wir dabei sind, Mittel zu schaffen, um uns selbst und die gesamte Natur, die uns erhält, zu zerstören.
Ein Wert, der uns fehlt, sei es in den persönlichen, sozialen oder internationalen Beziehungen, ist der gemeinsame und gute Wille, schreibt Leonardo Boff. Es sei schwerlich guter Wille erkennbar, den anderen jenseits der Unterschiede in den Ideen, politischen Ansichten und Religionen zu verstehen. Geschweige denn gäbe es guten Willen auf geopolitischer Ebene. Gerne füge ich hinzu, dass der Wille fehlt anderen zuzuhören.

Von einer „Zeitenwende“ wird seit Jahren in unseren Breiten gesprochen, von enormen Krisen, von Kriegen nach Jahrzehnten des Friedens. Etwas erstaunt kommt die Rückfrage: Wann gab es denn keine Gewalt? Wann starben nicht zu viele Menschen vor der Zeit? Trotz aller Friedenserklärungen prägten Grausamkeiten die letzten Jahrzehnte. In Europa litten Menschen unter der enormen Hitze, wie sie seit Beginn der Aufzeichnungen kaum gemessen worden war. Tote, Brände, zerstörte Existenzen und Ernten, Rufe nach Subventionen, erhöhte Preise … Wichtig ist, dass diese Leidsituationen uns vor Augen sind und wahrgenommen werden. Im Windschatten medialer Aufmerksamkeit gibt es klimabedingte Migration, gibt es Hunger verursacht von Krieg, von Dürre, von Vertreibung, gibt es mehr als 50 Kriegsgebiete auf unserem Planeten Erde … Mir erscheint wichtig, Menschenleben nicht gegeneinander auszuspielen, Aufmerksamkeit gegenüber Leidenden und Ausgeschlossenen und die Verbindungen mit ihnen nicht zu verlieren. Mit dem Rücken zu den Leidensgeschichten in dieser Welt wird es keine Zukunft geben, Solidarität hat einen globalen Horizont.
Boff schreibt, dass „guter Wille“ und „Aufmerksamkeit gegenüber Leidenden“ von einer Ascheschicht verdeckt seien, durch Individualismus, durch Konsumismus, durch mangelnde Sensibilität, sei es unter den Menschen, sei es unter den Ökosystemen und der Mutter Erde selbst.
Enden will ich mit Worten und Gedanken zur Hoffnung: Hoffnung ist kein einsamer Akt; ich kann Hoffnung nicht alleine hoffen; dafür ist sie zu groß. Friede ist keine naive Hoffnung! Gerechtigkeit ist keine naive Hoffnung! Es gibt wohl keinen Weg in eine menschlichere Welt, ohne dass bereits jeder Schritt etwas von dem Leben in Würde vorwegnimmt. Der Weg lohnt sich, auch wenn die Ankunft noch unabsehbar ist. Diese Hoffnung zu leben ist Aufgabe und sinnstiftend.
Pirmin Spiegel
1. Oktober 2026

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