„Es gibt Situationen, in denen wir, um menschlich zu bleiben, unser Zögern ablegen und Stellung beziehen müssen. Es gibt Konflikte, bei denen es nicht richtig ist, neutral zu bleiben, und es nicht ausreicht, zu glauben, dass man „kein Komplize ist“ … Dabei hilft, der Sichtweise und Stimme der Opfer … Raum zu geben, … die Logik des Konflikts nicht als normal hinzunehmen; den Blick nicht abzuwenden, wenn die Menschenwürde verletzt wird und den Betroffenen die Würde zurückzugeben …“
Das sind Sätze von Papst Leo in seiner Enzyklika Magnifica Humanitas (216f), die sich in besonderer Weise auf Kriege von gestern und heute beziehen und auf jegliche Formen von Gewalt. Sie laden ein zu einem „unbewaffneten und entwaffnenden“ Frieden. Mehrmals habe ich diese Sätze in ihrem Zusammenhang gelesen. Sie sind mir hoffnungsvoll und wertvoll und sie unterstreichen, dass Denken und Handeln am konkreten Leiden ihren Ausgangspunkt nehmen müssen, dass es keine würdige Zukunft geben wird mit dem Rücken zu Leidensgeschichten. Angriffe auf Völkerrecht und Angriffe auf Menschenrechte stehen dem Gedanken einer Nachhaltigkeit ebenso entgegen wie vor solchem Leiden die Augen zu verschließen und Klagen Betroffener nicht zu hören. Eine solche Nachhaltigkeit hätte kein Fundament, auf dem sich Zukunft aufbauen lässt. Seit Jahren ist mir der WeltRisikoBericht eine Quelle, die Stellung bezieht, die nicht wegsieht und Betroffenen Würde gibt; eine Quelle in der wissenschaftliche Analyse und humanitäre Praxis Hand in Hand gehen.

Ein Jahresbericht, der die Schwächsten sieht und politischen Willen formuliert. Er wird herausgegeben vom Bündnis Entwicklung Hilft und dem Institut für Friedenssicherungsrecht und Humanitäres Völkerrecht der Ruhr-Universität Bochum. Beide Organisationen teilen die Überzeugung: Katastrophen sind keine rein natürlichen Ereignisse. Ob Erdbeben, Überschwemmungen, ob Straßen ohne Schatten oder Stürme – erst gesellschaftliche Verwundbarkeit macht sie zu humanitären Krisen. Besonders hart trifft es regelmäßig Länder mit niedrigem und mittlerem Einkommen, wo Armut, schwache Infrastruktur, begrenzter Zugang zu Gesundheitsdiensten die negativen Folgen von extremen Naturereignissen erheblich verschärfen.Das bedeutet zugleich, dass Wege im Horizont aufscheinen, die ein MEHR an Gerechtigkeit und Solidarität und ein WENIGER an Verwundbarkeit bedeuten. Dazu gehören Maßnahmen wie der Ausbau von Bildung und Gesundheit, die Bekämpfung von Armut, Investitionen in Klima- und Umweltschutz, Prävention. Die 17 Nachhaltigkeitsziele der Vereinten Nationen kommen hier zum Tragen. All dies senkt die Risiken von Auswirkungen extremer Naturereignisse und stärkt die Widerstandsfähigkeit von Gesellschaften (vgl. WeltRisikoBericht 2026). Der Fokus des Berichts 2026 liegt auf Stürmen, die insbesondere Küstenregionen und Inselstaaten im Globalen Süden treffen, oft mit verheerenden Folgen für Menschen, Infrastruktur und wirtschaftliche Entwicklung. Es lohnt, ihn zu lesen. Dabei kürzen viele Staaten ausgerechnet jetzt finanzielle Mittel für humanitäre Hilfe und Entwicklungszusammenarbeit. Organisationen der internationalen Zusammenarbeit und Solidarität stehen unter Druck.
Pirmin Spiegel, 15. Oktober

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